* Zweifel auf dem Weg *

 

Bilde ich mir das alles nicht doch nur ein?!

Gibt es Spirits wirklich oder sind es meine inneren (Fantasie-)Bilder?

Hab ich einfach den Verstand verloren oder bin jetzt völlig esoterisch abgedriftet?

 

Kennt ihr diese Fragen?

 

Nagender Zweifel, ob man noch ganz richtig ist - das ist völlig „normal“. Doch leider höhlt er uns von innen aus, frisst sich immer tiefer hinein und „ist gekommen, um zu bleiben“.

 

(Sprach-) Kulturelle Blockaden

 

In unserer Sprachkultur ist „sie/er hört Stimmen“ gleichbedeutend mit verrückt sein und dies ist nur ein Beispiel von vielen. Lange eingeschliffener Sprachgebrauch lässt sich nicht mal eben so ersetzen, und die Angst, von der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, sitzt ebenfalls tief verankert in uns. Es wurde von den Ahnen an uns weitergegeben und soll uns vor Gefahren bewahren. So weit, so gut. Diese beiden großen Themen einen uns auf dem schamanischen Weg oft - vielleicht hast du für dich noch weitere erkannt.

 

„Wir werden eine uralte Einheit finden. … wir meinen, sie noch nicht erreicht zu haben. Und das ist es, was wir wiederfinden müssen: unsere ursprüngliche Einheit. Was wir sein müssen, SIND WIR BEREITS.“ (Thomas Merton)

 

 

Durch den Zweifel hindurchgehen

 

 

Der Weg der Mystiker*innen ist es, durch diesen Zweifel hindurchzugehen. ALLES in Zweifel zu ziehen und dann, wenn dir hindurchgegangen sind, die Wirklichkeit jenseits dieses Zweifels wahrzunehmen. Eine Wirklichkeit des Göttlichen, des Großen Geheimnisses IN UNS. Dieser Weg führt stets zu einer gewissen Demut - zu wissen, dass wir nicht alles wissen und zu erkennen, dass es „das Große Mysterium/Geheimnis“ heißt, weil ein Rest einfach unerkennbar und unbenennbar bleiben wird. Eben ein Geheimnis.

Doch während wir den Weg durch den Zweifel gegangen sind und allem in die Augen geschaut haben, haben wir ERFAHRUNGEN gemacht. Tiefe (vermutlich auch unbeschreibbare) Erfahrungen, die uns geschenkt wurden. Der schamanische Weg ist ein Erfahrungsweg und kein Weg des Glaubens, ebensowenig eine Religion. Doch von religiös verwurzelten Menschen wurde einiges aufgeschrieben, das wir heute für uns nutzen können. In manchen Religionen nennt man das, worüber ich gerade schreibe, den „Großen Zweifel“ und der bekannte Trappist Thomas Merton empfiehlt „…durch den Zweifel zur Ergebenheit hindurchzugehen, die sehr sehr tief geht, weil es nicht die eigene Ergebenheit, sondern die Ergebenheit Gottes in uns ist.“ Ersetze hier „Gottes“ mit „des Spirits/Großen Geheimnisses/Göttlichen…“ und es tut sich etwas im Inneren auf.

 

Diese mystische Erfahrung einer umfassenden Einheit, eines tief empfundenen „alles ist eins, alles ist verbunden“, die durch den Zweifel hindurch gemacht wurde, lässt allen Druck von uns abfallen. Den Druck, unser Weltbild vor irgendjemandem rechtfertigen zu müssen, zu erklären oder rational zu argumentieren oder mit all denen zu hadern, die es einfach nicht so sehen können, wie wir - sich vielleicht lustig machen oder abwenden. In aller Mystik ist ein Sehnen nach der Verbindung mit dieser Einheit, dem Urgrund allen Seins - ohne dabei Zweifel zu leugnen oder zu verdrängen, sondern diese zu spüren, wahrzunehmen, tief zu tauchen und hindurchzugehen.

 

Schamanische Mystik flüstert uns ebenfalls zu, dass ein Teil dieses Ganzen immer unerkennbar und unverstehbar bleiben wird (für den Kopf, Verstand). Zweifel kann dir ein Freund und Begleiter auf dem Weg sein, immer tiefer in dieses Große Geheimnis einzutauchen, immer tiefer zu empfinden und zu ERFAHREN.

 

Es werden uns jene begegnen, die alles anzweifeln und vielleicht mit diesem Zweifel auch eine Distanz schaffen und sich damit so manche Erfahrung vom Leib halten möchten (was auch völlig in Ordnung ist), in bequemen und bekannten Strukturen verweilen oder eben keine neuen Erkenntnisse willkommenheißen möchten. Unser deutsches Wort Zweifel enthält in sich die Zahl zwei und etymologisch das Wort „falten“ und der Duden sagt dazu „Ungewissheit bei zweifacher Möglichkeit“. Und ja, es besteht die Möglichkeit, dass es Spirits gibt und wir eben NICHT abgedriftet sind… oder doch?!

 

Verstehst du?

 

Persönliche Erfahrungen

 

 

Ich bin durch viele Zweifel hindurchgegangen und daran gewachsen. Meine Familiengeschichte hat mich letztlich dazu gezwungen, mir ganz tief all das anzuschauen und Erfahrungen zu suchen, zu machen, geschenkt zu bekommen, die in mir GEWISSHEIT hinterlassen haben. Die mich prägten und mir gleichzeitig ein tiefes Vertrauen und festes Verwurzeltsein im Großen Geheimnis beschert haben.

 

Von diesen prägenden Erfahrungen, auch den traurigen, unschönen, gruseligen, erzähle ich offen und ehrlich den Klient*innen und Seminarteilnehmer*innen, die zu mir finden - schon seit Jahren. Letztes Jahr ergab sich ein Gespräch mit einem Schüler, der mich fragte, wieviele meiner Schüler denn eigentlich nun diesen Weg gehen nach den Seminaren… in Gedanken ging ich sie durch, um ihm antworten zu können, zählte vor mich hin und freute mich sehr. Wir waren beide fast ein wenig überrascht. Eine Schülerin kam dazu und bekam den Rest des Gesprächs mit und sagte dann:

„Ja, das ist ja das Schöne hier: du hast so vieles wirklich erfahren und durchlebt, du redest nicht nur schön daher. Man spürt die Tiefe. Ich habe mehrere Ausbildungen im schamanischen Bereich gemacht und maße mir daher an zu sagen: bei dir lernt man, durch die Zweifel an sich und den Spirits und all dem zu gehen und am Ende zweifelsfrei aus dieser Ausbildung zu kommen. Deshalb trauen sich dann auch so viele, damit nach außen zu gehen.“

 

Wenn ich das heute aufschreibe, bin ich so berührt, dass ich Tränen in den Augen habe. Manchmal braucht es jemanden im Außen, von dem genau das kommt, das wir selbst nicht beobachten können, weil wir mittendrin sind und alles geben. Für dieses Gespräch bin ich tief dankbar, weil es mir so viel gezeigt hat. Auch für die (an mir) zweifelnden Fragen all jener, die ich auf diesem Weg getroffen habe, bin ich dankbar - denn sie haben mich immer ebenfalls hinterfragen lassen, hinschauen und für mich Erkenntnisse gewinnen.

 

 

Kinderaugen, Staunen, Fragen stellen...

 

 

Ich selbst habe insbesondere in meiner Teeniezeit an allem gezweifelt und die Worte Aura oder Chakra waren mir total suspekt, ebenso wie Energiearbeit - doch ich war wissbegierig, offen, und der Zweifel wurde eine Art Motor, um immer tiefer in meine Spiritualität hineinzutauchen und zu erfahren. Ich hätte diese Erfahrungen ohne den anfänglichen Zweifel wohl niemals gemacht und somit auch meinen heutigen Wissensstand nie erreicht. Wir alle kennen die (scheinbar nicht endenden) Fragen von Kindern. Man hat sich so bemüht und doch folgt wieder ein „Und warum?“ Jeder weiteren Erklärung folgt ein „Warum ist das so?“. Ein schier ewiges Hinterfragen von allem. Das kennen wir alle, oder? Als Kind möchten wir auf etwas bauen und vertrauen und ersehnen uns die Erfüllung dessen von den Erwachsenen. Als Erwachsene können uns ihre berühmten „Warum?!“-Fragen und viele andere dabei helfen, Klarheit über uns und unseren Weg zu erhalten, auf bisher einfach hingenommene Antworten in uns stoßen und selbst weiterforschen und wieder lernen, uns nicht mit einer der üblichen Antworten zufrieden zu geben, die letztlich doch nur wieder die Hintertür für anhaltendes Zweifeln offen lässt. Wenn wir diese Hintertür nicht offenhalten wollen, so können wir den Weg nicht abkürzen. Gewissheit entsteht in uns, wenn wir etwas anschauen und erkennen - und dabei dessen gewiss werden. Es ist letztlich eine innere Haltung, die uns erfüllt. Die meisten Menschen sehnen sich nach Gewissheit mitten im Ungewissen, Unverbindlichen unserer Zeit und Unsicheren unserer Welt. Doch dorthin gelangen wir nicht, wenn wir verdrängen, uns in andere Welten/Fantasien/Hoffnungen/rosa Wolken flüchten und ähnliches, sondern wenn wir unsere Zweifel zulassen, uns ihnen öffnen und mit ihnen in einen Dialog gehen, sie hinterfragen, sie zuende denken, zuende spüren. Dann erblüht eine neue Gewissheit, zunächst zart, wie eine frische Knospe, die sich immer mehr in uns entfaltet.

Meine eigenen Kinderaugen auf die Dinge sind mir glücklicherweise ganz wunderbar erhalten geblieben, gleichzeitig auch dieses so bekannte kindlich-philosophische Nachfragen. Selbst bei den ganz großen Gurus. Aus der gleichen Motivation wie damals als Kind: um zu spüren, ob es solide ist und ich darauf bauen kann. Ist es bloßer (Aber-)Glaube oder Gewissheit - und wenn es Gewissheit ist, woher kommt diese? Was wurde erlebt, erfahren, erkannt, dass es zu dieser Gewissheit kam? Diese und weitere Fragen stellte ich meinen Lehrer*innen und stelle sie auch mir selbst. Immer wieder. Und beantworte sie (mir) immer wieder neu, mit dem, was ich inzwischen erfahren habe. Die Bücher, die ich geschrieben habe, habe ich alle mit dem Herzenswunsch geschrieben, dass sie das enthalten werden, was ich mir damals zu lesen gewünscht hätte. Ebenso sind die Seminare gestaltet. Bis heute bin ich ebenfalls Schülerin und freue mich über das, was ich neu lerne, vertiefe, erweitere - und ebenso über den Anfängergeist, der mich beseelt, wenn ich an Kursen teilnehme oder für eine lange Zeit mit einem Lehrer gemeinsam forsche.

 

 

„Der Zweifel ist das Wartezimmer der Erkenntnis.“ (indisches Sprichwort)

 

 

Impulsfragen für dein Journaling und eine tiefe Innenschau

 

Unsere Zweifel können uns herausfordern, uns allen Mut abverlangen, den wir nur aufbringen können, um Ängsten ins Gesicht zu blicken. Vielleicht drehen sich deine Zweifel gar nicht um den schamanischen Weg und deine vermeintliche „Verrücktheit“, sondern um Liebe, Beziehungen, deinen beruflichen Weg, ob du (in welcher Form auch immer) „gut genug bist“ oder etwas ganz anderes - und falls du bis hierhin gelesen hast und dir die Zeit nehmen magst, in dir zu forschen, findest du hier ein paar Impulsfragen zu diesem ganzen Thema:

 

 

 

Wo haben deine Zweifel dir geholfen, ganz neue Erkenntnisse zu erlangen, dein inneres Gespür zu entwickeln oder Gewissheit zu bilden?

 

Bei was war Zweifel durchaus angebracht und hat Wahrheit ans Licht gebracht?

 

Wo hat dieses „zwei-Gefaltete“ dir gezeigt, welchen Weg du wirklich gehen magst?

 

Was sagt dir dein Bauchgefühl zu deinen Zweifeln?

 

Was ist das, was du absolut nicht mehr anzweifeln würdest?

 

Wo / bei was spürst du tiefe innere Gewissheit?

 

Was ist zu alldem deine persönliche Erkenntnis, die du liebevoll im Herzen trägst?

 

 

 

Zweifel oder Angst offen zuzugeben, ist keine Niederlage und in keiner Weise „schlimm“, denn all das ist einfach menschlich.

 

„Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er hat Angst, aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kenne keinen Zweifel.“ (Erich Fried)

 

Wichtig finde ich, dass weder der Zweifel sich so tief in uns hineinfrisst und in uns quasi zuhause ist, noch die Angst. Doch manchmal sind sie eben Gäste in unserem Haus des Lebens und können uns Gastgeschenke mitbringen….

 

Wenn du gerade an einem Punkt bist, an dem du noch dabei bist, dieses Gastgeschenk auszupacken und für dich liebevoll (an-)zu erkennen, so ist dieser Segenswunsch vielleicht für dich hilfreich, um nicht aufzugeben, durch die Zweifel und Ängste hindurchzugehen und dir und dem Leben, dem Großen Geheimnis zu vertrauen.

 

 

 

Segen des Vertrauens

Möge dein Herz gelassen in dem Wissen ruhen,

 

dass dein Weg sich stets seiner Natur entsprechend entwickelt,

 

verändert und wächst – 

 

und dass die Welt dich stets umarmen wird,

 

ganz gleich, was du tust.

 

 

 

Mögen dir die vielen Stimmen der Natur davon erzählen,

 

wie gern sich die Dinge ganz von selbst entfalten

 

und wie gern sie dabei deinen liebevollen Blick spüren.

 

 

 

Mögest du auf dieser Welt in Schönheit wandeln

 

und dich selbst als Teil dieser Schönheit erleben,

 

die war, ist, wird und täglich neu zur Blüte kommt.

 

 

 

Mögest du den Urgrund spüren,

 

in dir und in allem, was lebt –

 

und wissen, dass du dieses Ziel,

 

das auch dein Anfang ist,

 

niemals verfehlen kannst.

 

 

 

Mögest du Vertrauen in dich und deinen wunderbaren Weg haben.

 

 

 

Dirk Grosser

(„Segen des Vertrauens“ aus: „Möge dein Weg gesegnet sein - Segen, die deine spirituelle Entwicklung begleiten“)

 

 

 

 

Ich wünsche dir, dass du stets geduldig mit dir sein kannst und liebevoll auf dich und deinen Weg blickst.

Danke für deine Zeit und Aufmerksamkeit, meine Zeilen zu lesen.

 

Von Herzen, Jennie.

 

 

Foto: Jan Rickers für HAPPINEZ Reportage